1. August-Ansprache in Bäriswil 2015

Posted by on Aug 8, 2015 in Uncategorized | No Comments

Liebe Bäriswilerinnen und Bäriswiler, es freut mich, dass ich am Nationalfeiertag bei euch die Ansprache halten darf.

Ich habe das Thema gewählt:

Alles hat zwei Seiten 

Warum?

  1. Ich bin schon über dreissig Jahre verheiratet und habe das lernen müssen…
  2. In der Politik sehe ich immer wieder, wie unglaublich unterschiedlich viele Dinge angeschaut werden.  Das ist der eigentliche Grund für die Wahl dieses Themas.

Wenn ich von Iffwil aus in Richtung Bäriswil schaue, so sehe ich das Dorf vor einem bewaldeten Berg. Hinten dran die Berner Alpen, rechts davon die Stockhornkette. Das ist meine Sicht auf Bäriswil.

Von Bäriswil aus sieht man auch weit, aber einfach in die andere Richtung, gegen den Jura – eine andere Sichtweise eben!

Um ein exaktes Bild der Landschaft zu gewinnen braucht es mehrere Blickrichtungen.

So ist es überall im Leben. Auch in der Politik.

Jedes Problem sollte man eben von verschiedenen Seiten aus betrachten.

Unser Land wird auch nicht von allen Bewohner gleich wahrgenommen: Ein Genfer sieht die Schweiz nicht gleich wie ein Ostschweizer, ein Stadt Berner anders als ein Emmentaler, ein Zugewanderter nicht gleich wie ein Alteingesessener. Eine Schildkröte sieht die Welt aus einer andern Optik als ein Mäusebussard. Und ich persönlich habe häufig eine andere Meinung als mein Nachbar…

Gemeinsam haben wir unseren Lebensraum, unsere Verfassung, Gesetze, auch gewisse Werte, die Fussballnati und den Roger Federer. Aber sonst sehen wir unsere Schweiz nicht alle gleich! Alles hat eben zwei Seiten oder sogar  noch mehr.

In der Politik gibt es diese beiden polaren Seiten im besonderen Mass. Manchmal in einem absurd übertriebenen Mass.

Die einte Seite posaunt heraus wir hätten ein Asylchaos, die Schweiz gehe „s‘Loch ab“ und im Bundesrat würden Verräter hocken. Die Gegenseite jammert, der Sozialstaat werde abgebaut, der Service public abgeschafft und die Reichen würden alle miteinander Steuern hinterziehen.

Extreme Meinungen erzeugen Stimmung und erhalten grosse Aufmerksamkeit. Sie bringen aber selten brauchbare Resultate. Für mich persönlich darf Politik nicht nur Kampf, Selbstdarstellung oder Show sein. Politik bedeutet vor allem viel mühsame Kleinarbeit im Ringen um Verbesserungen zwischen den unterschiedlichen Meinungen. Es braucht klare Meinungen auf der Suche nach mehrheitsfähigen Lösungen. Es braucht sie auch, um  richtig abstimmen zu können. Vernünftige Meinungen!

Es ist wie mit einem Kotelett auf dem Grill. Man muss es auf beiden Seiten braten.

In unserer Schweiz geht es den Meisten Leuten gut. Wirtschaftlich prosperiert unser Land, allen Währungsschwierigkeiten zum Trotz. Es gibt genug Arbeit, gute Schulen, eine top Gesundheitsversorgung. Die Schweiz ist sicher und hat eine Justiz, die funktioniert. Wenn irgendwo nicht alles reibungslos läuft versuchen die Politik und wir Bürgerinnen und Bürger immer wieder Fehlentwicklungen zu korrigieren und Verbesserungen anzustreben. Ich bin stolz auf unser Land und dankbar dass ich hier leben darf, nicht nur am Nationalfeiertag.

Das ist aber nur die eine Seite.

Es gibt auch hier eine andere. Auch bei uns geht es nicht allen Menschen gut.  Vieles hat nicht mit materiellen Dingen zu tun. Zum glücklich sein, braucht es mehr als eine gesunde Wirtschaft und einen gut funktionierenden Staat. Glück, Zufriedenheit, Gesundheit und Freude kann auch ein hervorragender Staat nicht produzieren. Gegenseitiger Respekt, Eigenverantwortung, liebe Mitmenschen, ein Glaube und noch viel anders mehr sind ebenso wichtig. Und über das verfügen längst nicht alle!

Besonders schwer fällt mir in letzter Zeit, einen anderen grossen Gegensatz zu ertragen.

Auf der einen Seite stehen die guten Verhältnisse in unserem Land und auf der anderen die vielen Krisen auf der Welt. In vielen Regionen stehen die Menschen buchstäblich auf der Schattenseite. Und das gar nicht weit weg von uns. Ich denke an die Ukraine, an Syrien, Irak, Libyen, an die vielen, die im Mittelmeer verzweifelt ertrinken – und das vor den Sandstränden, wo wir Ferien machen…

Der Unterschied zwischen unserem Leben hier und dem katastrophalen Leben in den Krisengebieten ist krass! Das schlägt mir auf das Gemüt.

Müssen wir Schweizer da etwas tun? Und was?

Die einen sagen: abwehren, niemanden hereinlassen! Andere: aufnehmen, möglichst alle. Beide sind in ihrer Radikalität nicht erfolgsversprechende Lösungen und auch nicht durchführbar. Es braucht realistische Lösungen. Natürlich können wir nicht alle aufnehmen, das ist unmöglich. Aber einfach alle abweisen? Das ist meiner Meinung nach unserem Land nicht würdig. Auch wenn uns das etwas kostet. Das müssen wir im Namen der Menschlichkeit vermögen. Die Überwindung von wirtschaftlichen Gegensätzen auf der Welt ist langfristig erfolgsversprechender als den Erfolg für sich zu behalten.  Der Bundesrat probiert, Lösungen im Asylwesen zu finden. Vielleicht sind die, trotz der enormen Kritik von allen Seiten, gar nicht so schlecht.

Ich komme zum Schluss:

Gegensätze und verschiedene Ansichten gibt es überall. Privat, in der Gemeinde, in der Schweiz, auf der ganzen Welt. Es ist zwingend, alle Seiten anzuhören, für Meinungen zu kämpfen, zu diskutieren und dann kompromissbereit zu entscheiden. Mit Respekt gegenüber denen, die unterliegen. Im Beharren auf Gegensätzen, im Ausblenden von andern Meinungen werden gute Lösungen verhindert. Zwei Seiten sind nötig, um das bestmögliche Resultat zu finden. Es funktioniert nicht, das Glück nur für eine Seite zu erzwingen.

Das haben wir in der Schweiz bis jetzt gut geschafft. Das darf nicht verloren gehen. Das ist unsere grosse Stärke gegenüber ganz vielen andern Nationen. Bei uns wird das Bestimmen nicht einfach an eine Regierung delegiert. Jeder und jede kann sich auch bei Sachfragen beteiligen. Das Demokratiemodell Schweiz funktioniert so lange, wir uns aktiv beteiligen, mitmachen und bereit sind, alle Seiten zu respektieren.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.